Alles fließt. Das wusste schon Heraklit. Bloß wo entlang? Und wohin? Überall plätschert Wasser. Aber welches der vielen Bergbächlein ist nun der Rhein? Dieser Fluss kann einem ziemlich die Orientierung vernebeln, besonders in seinem Quellgebiet.
Wolkenfetzen zischen über den Oberalppass, es ist so kalt, dass man zum Wandern eine dicke Jacke und eine Mütze braucht. Im Frühjahr liegen hier noch meterhohe Schneemauern rechts und links der Straße. Zur Quelle des Vorderrheins gelangt man nur zu Fuß. Gut eine Stunde vom Parkplatz an der Passstraße entfernt, versteckt zwischen Felsen, liegt der Lai di Tuma, der Tomasee. Mini-Eisberge dümpeln auf dem klaren grünblauen Wasser, Schneefelder grenzen ans Ufer. Kleine Wasserfälle stürzen in den See. Ein mittelgroßer Rheindampfer würde gerade so in diesen kleinen Bergsee hineinpassen. Nur wenden könnte er nicht.
Der Name „Rhein“ leitet sich, so vermuten Germanisten, vom Verb „rinnen“ ab, was in Köln oder Duisburg, wo der Rhein mächtig vor sich hin strömt, einigermaßen schwer nachvollziehbar ist. Am Tomasee glaubt man den Sprachforschern sofort. Das Wasser, das aus dem Tomasee abfließt, gräbt sich durch eine enge Rinne, stürzt einen Steilhang hinunter und vereinigt sich mehrere hundert Meter tiefer auf einer Bergwiese mit anderen Rinnsalen zum Vorderrhein. Der Rhein, ein Bergbächlein.
Das soll dieser berühmte Strom sein, den Heine und Hölderlin bedichtet haben? Doch: In einen Felsen oberhalb des Tomasees ist eine Eisentafel eingelassen, auf der geschrieben steht, dass hier der Rhein entspringt. Und dass die Mündung in die Nordsee beachtliche 1320 Kilometer entfernt ist. Dies wird also eine lange Geschichte – eine Geschichte voller Rätsel, Romantik und Rauschzustände. Eine Reise zu magischen Orten, deren Namen klingen wie aus einer Geschichte von Michael Ende. Die Schrottinsel. Burg Maus. Burg Katz. Die feindlichen Brüder. Ein Kapitän namens Heinrich Böll. Städte, die Mumpf, Lorch, Brohl, Spay heißen. Stolzenfels. Rittersturz. Der Mäuseturm. Fehlt nur noch eine Lokomotive namens Emma, die mit Jim Knopf und Lukas an Bord durch die Rheinfluten schippert.