Es ist heiß und schwül, es wimmelt von Mücken, im hohen Gras zirpen die Grillen. Kamerun kann einem ziemlich afrikanisch vorkommen, besonders im Spätsommer. Die Zufahrt zum „Gasthaus Kamerun“ erinnert an eine Piste durch den Busch: Sie ist voller Schlaglöcher, nicht asphaltiert und sehr staubig. In der Gaststätte am Ufer der Müritz bietet die Wirtin Dagmar Leistner „Schwedeneisbecher“, „Schwarzwälder Kirsch“ und „Hamburger“ an, aber keine „Kameruner“, auch keine Krokodilsteaks.
Von wilden Tieren wimmelt es in der Gegend nur so. Auf dem Weg nach 17192 Kamerun, einem Ortsteil von Waren in Mecklenburg-Vorpommern, warnt ein Verkehrsschild vor „Otterwechsel“ – eine der seltensten Gefahren, die einem auf deutschen Straßen drohen kann. In der Nähe leben Berberaffen in einem Wald. Ein Plakat in Kamerun wirbt für einen Besuch der Berber-Großfamilie mit dem Spruch: „Mit den Affen auf du und du.“ Außerdem gibt es Seeadler, Kormorane und Wisente in der Umgebung.
Kamerun ist ein zwei Kilometer langes Ufergebiet an der Müritz. Der deutsche Farmer Frank Hamann, der kurz vor dem ersten Weltkrieg aus der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun zurückgekehrt war, hatte das Land damals gekauft und im Grundbuch als „Kamerun“ eintragen lassen. Der Name passt, denn das waldige Gebiet am Wasser erinnert noch heute an einen Urwald. Außer dem Restaurant „Kamerun“ und dem „Wassersportzentrum Stille Bucht von Kamerun“ gibt es kaum Häuser aus Stein; die bis zu 300 Einwohner Kameruns leben in Holzhütten, Blechbüchsen mit Rädern, Zelten und strohgedeckten Häuschen. Denn der größte Teil von Kamerun ist seit 1961 ein Campingplatz.
Reinhard Renk ist der Häuptling von Kamerun. Er läuft gerne mit einer „Fruchtbarkeitskeule“ herum, einer Art Spazierstock, vor der Rezeption steht sein selbstgeschnitzter „Regengott“. Zu DDR-Zeiten arbeitete er für den „Zweckverband Erholungswesen“, der auch für den idyllisch gelegenen Zeltplatz in Kamerun zuständig war. Nach der Wende pachtete er den Platz und bastelt seitdem mit Liebe und Humor am afrikanischen Image Klein-Kameruns. Vor seinem Wohnhaus mit der Rezeption weht die Kamerun-Fahne, auf dem Spielplatz gibt es ein Schaukel-Krokodil und einen Totempfahl.
Während der Fußball-WM waren die Müritz-Kameruner natürlich für Kamerun, und als Deutschland das Spiel gegen Kamerun gewann, sah Renk das mit gemischten Gefühlen. „Bei uns hat die Mehrzahl mit den Kamerunern mitgefiebert“, sagt der Camp-Häuptling. Er hatte den Spielern Kameruns eine besondere Siegprämie versprochen: „Wenn sie gewinnen, dürfen die Fußballer eine Woche hier kostenlos campen.“ Leider kam es anders.
Gerne wäre Reinhard Renk mal in das Original-Land gefahren, nach dem sein Zeltplatz benannt ist. Aber seine Frau traut sich nicht so recht. Vielleicht klappt es eines Tages noch, hofft Renk, wenn nicht, nimmt er es gelassen, denn er fühlt sich ziemlich wohl in seinem mecklenburgischen Kamerun: „Hier kammer ruhn.“