Es mag Haarspalterei sein, aber sollte man sich am Vorabend einer so wichtigen Entscheidung in einem Labyrinth verabreden? Genau um sechs Uhr abends wollten sich die Haarspitzensportler treffen, aber um zehn nach sechs sind immer noch nicht alle da. Es ist aber auch schwierig, im Hotel „Luxor“ in Las Vegas den richtigen Lift, das richtige Stockwerk und den richtigen Flur zu finden.
Das „Luxor“ ist das wohl verrückteste Hotel in Las Vegas, ein gigantischer Irrgarten mit 4408 Zimmern, 30 Stockwerken, einer schwarzen Glaspyramide und lauter verwinkelten Gängen. Joachim Wolf hat seine Mannschaft ins Zimmer 425 bestellt, aber weil es dort so eng ist, verlegt er das Geheimtreffen doch lieber in den Hotelflur. Dort ist es zwar weniger geheim, dafür gibt es eine helle Neonlampe an der Decke.
Daniela Kehm, Kathleen Reincke und Robert Lindinger platzieren ihre Modelle, drei hagere russische Mädchen, so unter der Lampe, dass die Farben der Frisuren möglichst gut zur Geltung kommen. Die Schöpfe der Russinnen leuchten prächtig in knallrot bis dunkelgelb, der Haaransatz glänzt tiefschwarz. Eine Farbkombination, die entfernt an die deutsche Nationalflagge erinnert.
Joachim Wolf trägt ein blaues Sakko mit goldenen Nadelstreifen, eine violette Krawatte und eine blonde Achtziger-Jahre-Frisur, vorne kurz, hinten lang. Er nickt anerkennend, hat aber doch etwas auszusetzen: „Geh da hinten ein bisschen weiter runter, Daniela! Das Schwarz hier hinten könnte noch mehr glänzen, Robert!“ Wolf tigert um die Russinnen herum, schaut skeptisch. „Seit einem halben Jahr haben wir intensiv trainiert, jetzt spielen halt auch die Nerven eine Rolle, sag’ ich halt mal“, sagt Wolf halt mal.
Joachim Wolf ist für das Friseurwesen das, was Rudi Völler für den Fußball ist: Trainer der deutschen Nationalmannschaft, Lichtgestalt, Erfolgsgarant. 1998 war er selbst Friseur-Weltmeister. Der Zentralverband der deutschen Friseure hat ihn daraufhin als Trainer berufen. Die Nationalmannschaft im Damenfach besteht aus Kathleen Reincke, 23, Daniela Kehm, 22, und Robert Lindinger, 27. Laien wundern sich, warum der Damenmannschaft ein Herr angehört, aber die Damenmannschaft heißt so, weil sie Damenköpfe stylt. Robert Lindinger arbeitet in einem Salon in Bielefeld, Kathleen Reincke in Lauchhammer bei Dresden, Daniela Kehm im Geschäft ihrer Mutter in Bad Brückenau bei Fulda. Für alle drei ist es die erste Weltmeisterschaft.
Und dann gleich in Las Vegas! Daniela hat ihren Freund und die Eltern mitgebracht, Kathleen eine Freundin, Robert ist solo angereist. Von der Vergnügungs-Metropole in der Wüste bekommen sie in den Tagen vor dem Wettkampf allerdings kaum etwas mit, denn der Trainer ist ein Perfektionist und verlangt vollen Einsatz. Beim gemeinsamen Abendessen vor dem großen Tag im Hotel „Mandalay Bay“ geht es jedenfalls vor allem um Haare.