Eines Abends kam Manfred A. mit einem Leckerbissen der besonderen Art nach Hause. Aus einer schmutzigen Plastiktüte wickelte er ein ziemlich lädiertes Tier "ein Fasan", wie der Vater seinen vier Kindern erklärte. Auf die neugierigen Fragen nach der Herkunft des verbogenen Vogels der Mann war kein Jäger antwortete Manfred A. undeutlich: "Den habe ich auf der Straße gefunden."
Verglichen mit Wald und Wiese ist die Straße ein ungewöhnlicher Lebensraum für Tiere. Es gibt kaum Nahrung, und die Lebenserwartung verhält sich umgekehrt proportional zur Anzahl und zur Geschwindigkeit der Fahrzeuge. Manche Igel haben nach Ansicht des britischen Biologen Victor B. Sheffer bereits "genetisch gelernt", sich nicht mehr wie ihre Vorfahren bei anrollender Gefahr einzurollen, sondern vor Autos zu flüchten. Doch hundert Jahre Autobetrieb sind für die Evolution eine zu kurze Zeit, um wirklich überlebensfähige Organismen vorstellbar wären rasiermesserdünne, stahlharte Schildkröten oder Frösche, die sich als rostige Radkappen tarnen in den Verkehr zu bringen. Die Folge der unterschiedlich schnellen Entwicklung von Tier und Technik sind deshalb breitgedrückte Biester jeder Art: flachgefahrene Fasanen, matschige Mäuse, reifengeplättete Reptilien, ebene Eichhörnchen, flache Frösche und platte Pudel.
Ein Tier, das auf dem Asphalt stirbt, verliert nicht nur sein Leben, sondern auch seine dritte Dimension. Nicht einmal Fliegen haben normalerweise Interesse an den ausgedehnten Opfern, aus denen heiße Reifen in Sekundenschnelle jedes Leben gepreßt haben. Doch obwohl sie den größten Teil ihrer Masse und ihrer ursprünglichen Form verloren haben, gibt es Menschen, die noch eine biologische Beachtung von flachen Viechern zeigen makabere Naturforscher am Rande der Zivilisation, denen nichts zu platt ist.
Der Amerikaner Roger M. Knutson, seit 25 Jahren Biologielehrer an einem College in Decorah, Iowa, ist so ein begeisterter Straßeaunorscher. Er hat das Standardwerk "Flattened Fauna" geschrieben, ein Bestimmungsbuch für tote tierische Verkehrsopfer. Es enthält eine breite Kollektion von zweidimensionalen Formen, die dem Betrachter erlauben, Rückschlüsse auf das urspüngliche Aussehen des ebenen Exemplars zu ziehen. Die gefiederten, geschuppten und pelzigen Reste lassen sich mit Hilfe des Buches gedanklich wieder zu einem Lebewesen zusammensetzen.