Neben mir steht ein Hase in Netzstrümpfen und friert. Sein Puschelschwänzchen aus Plüsch sieht zwar putzig aus, erzeugt aber kaum Wärme am Hasenhintern. Wenigstens schützt die schwarze Kappe mit den langen Löffeln die Ohren des armen Mannes vor der Kälte an diesem seltsamen Morgen.
Es ist 10.30 Uhr, es ist kühl, es ist neblig, und es ist etwas bizarr, was sich um mich herum abspielt. Vor mir grölt eine Gruppe von zehn Höhlenmenschen, die Frauen tragen kurze Röcke im Leopardenmuster, die Männer haben sich Pelze um die Hüften und um die Waden gewickelt. Ein Sträfling in schwarz-weißer Kluft hält eine Fußfessel aus Plastik unterm Arm. Batman und Robin sind auch da, mit Cape und Maske. Clowns, Monster und Mönche trippeln auf der Stelle, um sich warm zu halten. Alle haben Joggingschuhe an den Füßen und Startnummern auf der Brust.
Ich stehe mitten in einer Horde gutgelaunter Franzosen, Belgier, Schweizer und Holländer. Etwa zwei Drittel von ihnen sind verkleidet. Eine Gruppe von Tambouren in gelben Umhängen und Federhüten auf dem Kopf haut fröhlich auf Pauken und Trommeln ein. Etwa 500 Menschen in Turnschuhen klatschen im Takt mit und singen etwas, das übersetzt wohl „Jetzt geht’s lo-hos, jetzt geht’s lo-hos“ heißt. Wo bin ich hier gelandet?
In Prayssac, einem Winzerörtchen nördlich von Toulouse. Ich stehe am Start des „Marathon du Cahors et de la Gastronomie“, einem Lauf, der vom Start bis zum Ziel den Spezialitäten dieser schönen Region gewidmet ist. „Gourmet-Marathon“ - das klingt zunächst nach einem sehr ausgedehnten Essen, bei dem man mit circa 42 Gängen verwöhnt wird. Ganz so einfach ist es aber nicht, die Teilnehmer müssen tatsächlich die Marathon-Distanz von 42,2 Kilometern zu Fuß zurücklegen. Die Strecke führt von Prayssac entlang des Flüsschens Lot an Weingütern vorbei durch hügeliges Gelände bis nach Cahors. Unterwegs servieren die Winzer der Gegend frugale Köstlichkeiten und bieten ihre Weine zum Degustieren an. Die Nahrungs- und Flüssigkeitsrationen sind eher als Häppchen und Schlückchen zu bezeichnen denn als Völlerei und Sauferei. Das ist auch besser so, denn mit vollem Bauch rennt es sich nicht optimal.
Kilometer 0: Auf dem Marktplatz von Prayssac detoniert ein Böller. Gelbe Leuchtraketen schießen in den nebelverhangenen Himmel. Jetzt geht’s endlich lo-hos! 15 Minuten später als geplant, aber das macht überhaupt nichts. Auf die Zeit kommt es bei diesem Marathon nicht an. Das Limit liegt bei siebeneinhalb Stunden. Da ich schon mal einen Marathon in vier Stunden geschafft habe, sind meine Bedenken nicht so groß. Außerdem fährt eine Stunde nach dem Start ein Bus die Strecke im Schneckentempo von sieben Kilometern pro Stunde ab, um die Läufer einzusammeln, die es nicht partout mehr packen.
Kilometer 2: Eine Clique von fünfzehn Franzosen läuft als unbeugsame Gallier mit. Asterix mit Flügelhelm und Schwert, Obelix mit Zöpfen, ausgestopftem Bauch, blau-weiß-gestreifter Jogginghose und Hinkelstein aus Pappmaché auf dem Rücken. Miraculix, Majestix, Troubadix und Automatix sind auch mit von der Partie, bloß Idefix, der kleine weiße Hund, ist nicht so gut verkleidet – er ist eindeutig als Dalmatiner zu erkennen. Die Gallier rennen die ersten Kilometer mit rot brennenden Fackeln, laut singend und gestikulierend. Eine alte Bäuerin auf einem Moped begegnet der Truppe und glaubt ihren Augen nicht. Sie tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn und murmelt etwas in ihren Damenbart, das wahrscheinlich heißen soll: „Die spinnen, die Gallier!“ Vielleicht hat sie nicht ganz unrecht.
Kilometer 3: Der sexy Hase zieht im Eiltempo an mir vorbei. Hoppelt der Typ nicht zu schnell? Oder mache ich etwas falsch? Habe ich mich richtig vorbereitet? „Viel trinken! Schon vor dem Lauf!“ hat mir ein Sportarzt empfohlen, der mich vorab auf körperliche Fitness untersucht hat. Viel Wasser meinte er natürlich, nicht viel Wein. Die drei Katalanen, mit denen ich am Morgen vor dem Marathon in einem Café in Cahors gefrühstückt habe, wurden wohl anders beraten. Sie bestellten zur Einstimmung auf den Gourmet-Lauf jeweils ein Glas Rotwein vom Fass und leerten es auf nüchternen Magen. Vor dem Startschuss nahmen sie hochprozentige Dopingmittel aus einem Flachmann zu sich. Und jetzt, nicht mal 20 Minuten nach dem Start, wirken sie schon ziemlich knülle. Das kann ja heiter werden.
Kilometer 4: Eine Gruppe von Mäusen und Katzen legt die erste Rast ein. Diese Leute haben an alles gedacht: Zur Überbrückung der Durststrecken zwischen den Weingütern führen sie ein Fässchen Rotwein auf einem Fahrradanhänger mit, schön umkränzt von Weinreben und üppig behängt mit reifen Trauben. Begleitpersonen auf dem Velo sind bei diesem Lauf ausdrücklich erlaubt. Es scheint doch eine recht kuriose Veranstaltung zu werden. Ist das noch ein regulärer Marathon? Oder nehmen wir Deutschen wieder mal alles zu ernst?
In Deutschland ist seit einigen Jahren ein Laufboom zu beobachten, der Zehntausende von ansonsten ganz normalen Menschen dazu bringt, 42,2 Kilometer durch Berlin, Hamburg oder München zu hetzen. Traumziel all dieser Läufer ist eine Reise nach New York, um dort einmal beim berühmtesten Stadt-Marathon der Welt mitzumachen. Eine ganze Reihe von Spezialreiseveranstaltern lebt mittlerweile von Marathon-Reisen. Es gibt Läufer, die trainieren nur, um unter die magische Dreistunden-Grenze zu kommen, die Hobbyläufer von wirklich ambitionierten Sportlern trennt. Eine andere Kategorie von Läufern sammelt Marathons wie Schneekugeln – vom Honolulu-Marathon bis zum König-Ludwig-Marathon in Füssen. Auf die Idee, ein Weinfass beim längsten aller Langstreckenläufe mitzuschleppen, kommen allerdings die wenigsten von ihnen.
Kilometer 5: Die erste Tankstelle ist in Sicht. Das Chateau La Coustarelle liegt kurz hinter Prayssac inmitten von Weinbergen und wird im Gault et Millau für seine Rotweine gelobt. Ignorieren geht schlecht, denn man kommt gar nicht um den Wein herum. Die Strecke führt mitten durch den Weinkeller. Das Feld ist noch dicht gedrängt, deshalb wird es eng in der Gasse zwischen den Eichenfässern. Das Winzerehepaar Michel und Nadine Cassot hat lange Tafeln aufgestellt, auf denen frisch geschnittenes Bauernbrot mit Leberpastete, Honigkuchen und Dörrobst für die Läufer bereitstehen. Ein zweites Frühstück kann nicht schaden, schließlich sind es noch 37 Kilometer bis zum Ziel. Auf die Weinprobe verzichte ich aus Vernunftgründen, obwohl der 1996er-Jahrgang dieses Weinguts besonders delikat sein muss; er hat beim Concours Général Agricole Paris eine Goldmedaille gewonnen. Etwa die Hälfte der Sportler lässt sich ein Schlückchen zur Stärkung nicht entgehen. Kilometer 7: Der reine Spaß ist es nicht, 42,2 Kilometer zu rennen, wenn auch durch eine äußerst pittoreske Landschaft. Die Sonne hat den Nebel mittlerweile vertrieben, die Strecke führt oberhalb des Flusses auf einer Landstraße an goldenen Kornfeldern und Weinbergen entlang. Es riecht nach feuchtem Laub und Flusswasser. Viele Läufer scheinen sich länger im Chateau La Coustarelle aufzuhalten, denn ich bin fast allein auf weiter Flur. Fast. Vor mir laufen drei etwa 40-jährige Männer, sie haben Kochmützen auf, tragen weiße Maggi-T-Shirts, Schürzen und kurze Hosen. Jeder hält eine Stange Lauch in der Hand. Das Trio singt: „Hopp, hopp, hopp, wir laufen ja tiptop, wir rennen schnell ins Ziel, denn der Suppe fehlt noch viel.“ Ich stelle mir die Szene aus Sicht des Autofahrers vor, der uns gerade entgegenkommt. Eine einsame Landstraße im Departement Midi-Pyrénées, ein ganz normaler Samstagvormittag, und dann begegnen einem auf der Gegenfahrbahn drei singende, schwitzende, rennende Köche mit Lauchstangen in der Hand. Man würde das Trio vielleicht für eine Halluzination, für die Folge eines Rotweinrausches halten. Dabei sind es die Köche, die vom Rotwein berauscht über die D 8 rauschen.
Kilometer 10: Kleine Zwischenkrise. Warum überhaupt 42 Kilometer rennen? Wieso fahre ich die Strecke nicht mit Fahrrad, so wie der Fotograf, der mich begleitet? Wäre es nicht viel bequemer, mit dem Auto durch Frankreich zu gondeln und unterwegs schön essen zu gehen? Sinn- und Motivationsfragen quälen mich. Marathon und Genuss – das passt doch wie die Faust aufs Auge, oder? Der erste Marathonläufer, der 492 vor Christus von Marathon nach Athen rannte, um die Nachricht zu überbringen, dass Miltiades über die Perser gesiegt habe, brach der Legende nach tot im Ziel zusammen. Mutmaßlich lief er viel zu schnell und trank viel zu wenig. Um dieses historische Vergehen gegen die Sinnlichkeit symbolisch wieder gutzumachen, haben die Franzosen eine eigene Marathon-Kultur erfunden. Der Marathon du Cahors et de la Gastronomie ist nur einer von vielen Läufen, bei denen es mehr um Essen und Trinken als um Geschwindigkeitsrekorde geht. Der bekannteste Weinmarathon ist der „Marathon du Medoc“, bei dem Anfang September etwa 8000 Läufer antreten, größtenteils verkleidet, zum Beispiel als Windmühle, Wikingerschiff oder Weinflasche. Die Strecke führt an 21 namhaften Weingütern wie Chateau Mouton Rotschild und Chateau Lafite vorbei. Das Vergießen der Schweißtropfen lohnt sich, denn die Marathon-Teilnehmer dürfen unterwegs die edelsten Weintropfen verkosten. Wer bei Kilometer 39 noch mal einen Extra-Schub ins Ziel braucht, kann sich an einer Austernbar stärken und den Imbiss mit einem vorzüglichen Weißwein abrunden. Der Medoc-Marathon zählt wegen seiner exquisiten Verpflegungsstationen zu den beliebtesten Läufen überhaupt – wer keinen der begehrten Starplätze ergattert, kann aber auch ausweichen auf den Cognac-Marathon, den Bourgogne-Marathon, den Chateauneuf-du-Pape-Marathon oder den Beaujolais-Marathon (*Termine und Adressen siehe S. xxx). Wie die Slow-Food-Bewegung gegen die Fast-Food-Kultur kämpft, verstehen sich die französischen Genuss-Marathon-Veranstaltungen als Protest gegen sportlichen Leistungsdruck. Es gibt keine elektronische Zeitmessung, Weltrekordzeiten sind nicht zu erwarten, dafür um so mehr Spaß. So gesehen macht mir das Weiterlaufen doch wieder Freude.
Kilometer 13: Ich überhole einen etwa 80jährigen Mann, der mit gekrümmtem Buckel und lächelndem Gesicht eisern auf Albas, die nächste Etappe am Ufer des Lot, zustrebt. Dies sei sein 92. Marathon, keucht er, und stößt zwischen zwei dampflokomotivartigen Schnaufern hervor, er wolle die Hundert noch voll machen. Angeber! Andererseits ist dieser Kerl der lebende Beweis dafür, dass Wein als Laufbenzin nicht so schädlich sein kann.
Kilometer 15: Die unbeugsamen Gallier wirken etwas gebeugt. Mühsam schleppen sie sich den Hügel nach Rivière Haute hoch, wo das Chateau Eugenie mit drei erlesenen Rotweinen auf die Läufer wartet. Offensichtlich haben die Gallier an den ersten Stationen zu ausgiebig gezecht. Jetzt sind erste Ausfallerscheinungen zu beobachten. Troubadix torkelt mehr als dass er joggt. Miraculix schwitzt unter seinem angeklebten Bart wie ein Wildschwein. Nur Obelix, der ja als Kind angeblich in einen Topf mit Zaubertrank gefallen ist, schleppt ungerührt seinen Hinkelstein. Die Gallier hätten es eigentlich wissen müssen: Asterix und Obelix trinken in den Comic-Abenteuern in der Regel nur Ziegenmilch, und wenn sie doch mal zu tief in die Wein-Amphore schauen, geht meistens alles schief (*siehe „Das Geschenk des Cäsar“).
Kilometer 16: Die Strecke macht ein paar Schlenker durch die Gassen von Riviére Haute. Der Weg führt immer den blauen Pfeilen auf dem Asphalt entlang bis zum Chateau Eugenie. Genauer gesagt in den Keller des Weingutes. Dort stehen drei Meter hohe Fässer. Es riecht muffig nach nassem Kork. Die Läufer wanken erschöpft an den Tresen, wo sie ein Winzer begrüßt, den es gleich zweimal gibt. Zwei rötliche Knollennasen, zwei Schnauzbärte, zwei Jeansjacken, zwei blaue Pullover. Sehe ich schon doppelt? Nein, ich habe ja noch keinen Alkohol intus, es handelt sich lediglich um die Brüder Jean und Claude Couture. Sie sehen exakt so aus Alkoholix, ein Weinhändler, der im Band „Asterix und der Avernerschild“ vorkommt, bloß in doppelter Ausführung. Die Gebrüder Couture schenken einen trockenen Roten aus, dazu gibt es Brote mit köstlichem Belag: Butter und schwarze Trüffeln.
Kilometer 20: Die drei Köche halten ihre Lauchstangen immer noch fest im Griff. Zuschauer am Straßenrand feuern die Männer an: „Allez, allez! Ihr müsst bis zum Mittagessen ankommen!“ Das wird wohl kaum zu schaffen sein. Es ist bereits halb ein Uhr mittags, noch nicht mal die Hälfte der Distanz ist geschafft.
Kilometer 25: Erste Ausfallerscheinungen bei den Mitläufern. Ein Neandertaler, der ein Fell um die Schultern hängen hat, transpiriert aufs Heftigste. Zumal er auf seinem Rücken einen Rucksack trägt, der die Form eines Menschenaffen hat und ähnlich groß ist. Ballast abwerfen will er nicht, lieber tritt er kürzer. Auch das OP-Team zieht seine Sache konsequent durch. Der Chefarzt trägt noch zweieinhalb Stunden nach dem Start Mundschutz, Haube, Handschuhe und Klinik-Umhang, die Krankenschwestern an seiner Seite haben es auch nicht besser in ihren dicken weißen Kitteln. Ich bin froh, nur eine elastische kurze Hose und ein schweißdurchlässiges Trikot zu tragen, alles andere wäre Wahnsinn.
Kilometer 27: Alles andere ist Wahnsinn? Ich trabe unverdrossen mit anderen Wahnsinnigen weiter und muss an meinen Freund Robert denken. Er trainiert für einen noch wahnsinnigeren Lauf, den Marathon de Sables, der 210 Kilometer durch die Sahara in Südmarokko führt. Die Läufer haben einen Rucksack mit Proviant und Wasser dabei, stolpern in glühender Hitze über Sanddünen, schleppen sich von Oase zu Oase. Eine Frage mit fünf Buchstaben drängt sich mir auf: Warum? Wieso suchen speziell Männer um die vierzig Grenzerfahrungen, die sie nicht nur an den Rand der Wüste und des Wahnsinns führen, sondern mitten hindurch?
Etwa die Hälfte der Teilnehmer gibt auf dem Anmeldebogen für den sechstägigen Wüstenlauf als Motivation ein Wort an, das alles sagt: Midlifecrisis. Robert, der in jungen Jahren mit dem Lastwagen die Sahara durchquert hat, behauptet, bei ihm sei es eine Mischung aus „Wüstenfaszination und Nostalgie“. Ein Masochist ist er nach eigenen Angaben nicht, sonst hätte er sich vielleicht für den Mount-Fuji-Kletterlauf in Japan angemeldet, den Dennis Craythorn und Rich Hanna, die Autoren eines Marathon-Reiseführers, als „verrücktesten und härtesten Lauf der Welt“ bezeichnen. Nur 40 Prozent der Läufer erreichen das Ziel, den Gipfel des Fujiyama.
Kilometer 29: Auftanken in Luzech. Hier stehen getrocknete Aprikosen, Ziegenkäse, Trauben und frisch gebackener Walnusskuchen bereit. Ich schlage ordentlich zu, denn für die nächsten sechs Kilometer brauche ich viel Kraft. Es geht 300 Höhenmeter bergauf. Das ist ein Witz gegen die Steigung am Mount Fuji, wo vom Start bis zum Ziel 3100 Höhenmeter zu überwinden sind. Trotzdem, der Gourmet-Marathon hat einen fiesen Streckenverlauf – erst verführt er einen zum Bummeln und Trinken, und am konditionellen Tiefpunkt kommt dann eine steile Straße, die sich in Serpentinen einen Bergrücken hinaufwindet.
Kilometer 35: Der topographische Höhepunkt! Es trommelt und pfeift, aber die Geräusche stammen Gott sei Dank nicht von meinem Herz und meiner Lunge, sondern von einer Musikgruppe, die den Läufern Mut machen will. Die Walnüsse mit Kakaoüberzug, der Honigkuchen und der Rotwein bauen mich nicht sonderlich auf. Ein Trost: Es geht ab jetzt nur noch bergab. Alles wird gut. Was sind schon die restlichen sieben Kilometer? Ein Klacks, kalorienmäßig gesehen ein Klecks Mousse au Chocolat. Wenn ich ankomme, werde ich fast 3000 Kalorien verbraucht haben. Die Häppchen von unterwegs sind längst verbrannt. Ich freue mich aufs Abendessen.
Kilometer 37: Langsam kriege ich so richtig Hunger. Wird Zeit, dass ich ankomme. Vor mir sind sicher schon hundert Läufer im Ziel. Hoffentlich lassen mir die noch was übrig von den Leckereien, die in Cahors auf mich warten. Vor meinem geistigen Auge erscheinen Platten mit Quiche, Salate mit gerösteten Nüssen und Ziegenkäse, hausgemachte Nudeln mit fetter Sahnesauce, Kartoffelgratin mit blubberigen Käseblasen, knusprige Lammkeulen, in Rotwein geschmortes Hühnchen.... Das Wasser läuft mir nicht mehr in Bächen am Körper hinunter, sondern im Mund zusammen. Schneller! Schneller!
Kilometer 39: Ich habe das Gefühl, meine Füße sind weich und flüssig wie alter Camembert. Aber jetzt aufgeben? Nie! Das wäre so, als würde man bei einem zehngängigen Festmenü nach dem Hauptgericht aufhören und auf Käse und Dessert verzichten.
Kilometer 42,2: Das Ziel, ein aufgeblasener Torbogen mit dem Schriftzug „Arrivée“, ist in Sicht. Geschafft. Der Sprecher begrüßt über Lautsprecher „Titüs Arnü dö Äbbenausen oh Allemanje“ und gratuliert mir persönlich. Mir geht es wie einer selbst gemachten Mousse au Chocolat: Ich bin von Herzen gerührt. Mir kommen die Tränen. Das muss wohl so sein. Es ist schließlich ein Wein-Marathon.
Die Medaille hat die Form eines Weinglases, und statt einer Urkunde bekomme ich – natürlich - eine Flasche Rotwein. Auf dem Etikett ist ein betrunkener Läufer zu sehen. Das Festessen am Abend kompensiert den Flüssigkeits- und Kalorienverlust: Es gibt Salat mit gebratener Gänseleber, Entenkeule auf weißen Bohnen mit Zwiebel-Confit, Ziegenkäse, Trauben und Mousse au Chocolat, dazu unbegrenzte Mengen an Rotwein aus dem Fass.
Der Sieger hat für die Strecke zwei Stunden und 44 Minuten gebraucht, ich viereinhalb Stunden. Mehr Wein als ich darf der Erstplatzierte auch nicht trinken. Das nächste Mal sollte der Mann lieber beim Medoc-Marathon mitrennen. Dort erwartet den Ersten ein schönes Ritual: Er wird in Wein aufgewogen.
Termin: zweiter Samstag im Oktober
Kontakt: Odice Organisation, Tel. 0033/565532065, Fax 0033/565532074, www.odice.org
Termin: zweiter Samstag im September
Kontakt: A.M.C.M., Maison du Vin, 33250 Pauillac, Frankreich, Tel. 0033/556591720, Fax 0033/556596238, www.marathondumedoc.com
Termin: letzter Sonntag im September
Kontakt: Berlin-Marathon, Waldschulallee 34, 14055 Berlin, Tel. 030/3025370, Fax 030/3062203, www.berlin-marathon.com
Termin: erster Sonntag im November
Kontakt: New York Road Runners Club, 9 E. 89th Street, New York, NY 10128, USA
Tel. 001/212 4232249, Fax 001/212 3489614
www.nycmarathon.org
Inter Air, Triftstr. 28-30, 60528 Frankfurt, Tel. 069/967670, Fax 069/96767100, www.interair.de
Reisen zu den berühmtesten Marathons von Médoc über Venedig bis New York
Werner Otto Sportreisen, Wallstr. 12, 50321 Brühl, Tel. 02232/942744, Fax 02232/942745, www.sportotto.de
Sehr spezielle Angebote zu Veranstaltungen wie dem Reykjavik-Marathon oder dem Two Oceans Marathon in Südafrika.
Bewo-Sports, Blumberger Damm 121, 12685 Berlin, Tel./Fax 030/54378123, www.laufreise.de
Spezialangebote für Vereine und Laufgruppen ab 16 Personen, Marathonreisen auch nach China und Israel
Dertour, Emil-von-Behring-Str. 6, 60424 Frankfurt, Tel. 069/95883632, Fax 069/95883606, www.dertour.de
Größter deutscher Anbieter von Sportreisen, organisiert auch die Anmeldung für populäre Marathons in New York, Boston oder London, wo es sehr schwer ist, einen der begehrten Startplätze zu erhalten. Dertour bietet Reisen mit Startplatz-Garantie an.
Dennis Craythorn, Rich Hanna: Der Marathonreiseführer, Tibia Press, 20,35 EuroDie bewanderten Autoren stellen in diesem informativen Guide die hundert schönsten Marathon-Ziele vor, vom Ägypten-Marathon bis zum Walt-Disney-World-Marathon. Neben den Streckenbeschreibungen gibt es qualitative Bewertungen. Auf Platz 1 der schönsten Strecken ist der Jungfrau-Marathon, der über 1821 Höhenmeter von Interlaken auf die Kleine Scheidegg am Fuß von Eiger, Mönch und Jungfrau führt.