Das Schiff scheint auf der Milchstraße unterwegs zu sein. Silberne Helligkeit umgibt Passagiere, Reling, Deckstühle, Aufbauten, liegt auf Planken und Swimmingpool. Haben wir schon Lichtjahre zurückgelegt? Wo liegen der Anfang und das Ende der Welt? Wann beginnt der Tag und wann die Nacht? Dem Gedächtnis geht die Orientierung in der Leuchtkraft der Nacht verloren.
Für die Bodenhaftung wäre es ein Leichtes, sich an Fakten zu halten: Das Kreuzfahrtschiff MS 'Mistral' fährt auf seiner Ostseeroute. Das Schiff ist 216 Meter lang und fast 30 Meter breit, acht Decks hoch. Es ist so großzügig konstruiert, dass mehr als 1000 Passagiere und 470 Mann Besatzung genügend Platz auf ihm finden. Die Kabinen stehen dem Komfort eines gehobenen Mittelklasse-Hotels in nichts nach, und wer es luxuriös mag, kann eine Suite mit Balkon, Doppelbett, geräumigem Bad und begehbarem Kleiderschrank buchen.
MS 'Mistral' hat von Kiel aus Kurs auf Visby, Stockholm und Tallinn genommen - die letzte Station wird Kopenhagen sein - und steuert jetzt durch die helle Nacht auf St. Petersburg zu. Ein Teil der Passagiere bekommt von der Magie an Deck nichts mit, weil sie in einer Varietevorstellung mit einem deutschen Zauberer sitzen oder in der Disko im obersten Stockwerk bei einem Karaoke-Wettbewerb Robbie Williams imitieren. Im 'La Croisette', einem der Selbstbedienungsrestaurants, räumen Kellner die Reste des russischen Büffets mit Soljanka, Piroggen und Krimsekt ab. Die Reste einer kulinarischen Einstimmung um Mitternacht: auf die Stadt, die im Mündungsdelta der Newa in den Finnischen Meerbusen nun bald vor uns liegen wird.
Auf dem Oberdeck spielt all dies keine Rolle, jetzt, zwischen Abend- und Morgendämmerung, zwischen dem Untergehen der Sonne um 21.30 Uhr und ihrem Aufgehen um drei Uhr in der Nacht. Zu sehr bestimmt hier ein träumerischer Wachzustand das Sein. Wie planetarische Nebelfetzen ziehen Gedanken durch den Kopf; den Blick möchte man immer wieder nach Nordwesten richten, hin zu dem fahlen Streifen am Horizont. Es sind die Stunden, in denen fremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen. In denen sie beginnen, über ihr kleines, irdisches Dasein zu reden und es mit dem weiten Ozean zu vergleichen, den fernen Sonnensystemen, der Unendlichkeit des Universums im allgemeinen und besonderen.
Ein solch plötzlicher Wunsch, sich zu offenbaren, hat vielleicht auch den Sonderling in Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Roman 'Weiße Nächte' erfüllt. In vier Kapiteln, vier Sommernächte lang, lässt ihn Dostojewski einer unbekannten Frau sein Herz ausschütten. Und lässt dann auch sie, die zu Tränen gerührt ist, von ihrem Schicksal erzählen. Zwar nicht an Bord eines Schiffes, aber auf einer Parkbank am Ufer der Newa in St. Petersburg. Eine sehr sentimentale Geschichte. Der Mann und die Frau erklären in empfindsamen Worten ihre Zuneigung füreinander, schön, feinsinnig, versponnen. Doch die nächtlichen Stunden vergehen, und danach hat die Wirklichkeit zwei hoffnungslos einsame, irrlichternde Gestalten wieder.