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Der Fünf-Uhr-Zug
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Der Fünf-Uhr-Zug

Der Tag, an dem sie Opa Oskar am Bahnhof verhafteten, war der traurigste in meinem Leben. Ein Polizist führte ihn in Handschellen aus dem Fünf-Uhr-Zug. Zwei Männer in blauen Uniformen schnallten ihn mit Ledergurten auf einer Tragbahre fest. Sie trugen ihn zu einem Krankenwagen, legten ihn hinein, machten die Heck-klappe zu und fuhren davon. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Die Leute im Dorf sagten, Opa Oskar sei verrückt geworden. Meine Mutter sagte, er wohne jetzt in einer Art Krankenhaus, dort gehe es ihm besser. Das wunderte mich, denn ich war immer der Meinung gewesen, es sei ihm ganz gut gegangen. Mein Vater sagte nichts, wenn ich ihn nach Opa Oskar fragte. Er zuckte nur die Achseln, blätterte weiter in seiner Zeitung und murmelte nur etwas wie „Oskar, dieser Spinner!“ Irgendwie hatte ich den Eindruck, die Menschen waren froh, dass er weg war.

Ich war es nicht. Opa Oskar war ein seltsamer Mann, aber ich mochte ihn. Oft besuchte ich ihn in seinem Holzhäuschen unten an den Bahngleisen. Meistens saß er auf einem Melkschemel und wippte mit dem Oberkörper vor und zurück. Er hatte immer eine Pfeife im Mund. Ich roch den Tabak gerne, und ich liebte es, wie Oskar den Rauch in die Luft blies. Er tat es, indem er dabei zischte, pfiff und tutete, so dass ich das Gefühl hatte, der alte Mann sei eine Dampflok. Im Sommer saß ich oft stundenlang auf seinem Schoß. Wir warteten auf den Nachmittagszug, der quietschend im Bahnhof unseres Dorfes hielt. Es fuhren nur noch zwei Züge pro Tag auf der Strecke, einer gegen neun Uhr morgens, der andere um kurz vor fünf abends. Unser Dorf lag in einem engen Tal. Die Eisenbahn kam auf der einen Seite aus dem Tunnel, hielt kurz am Bahnhof und verschwand dann auf der anderen Seite des Flusses in einem anderen Tunnel.

Opa Oskar war nicht wirklich mein Opa. Meine richtigen Großeltern wohnten viele Stunden entfernt von unserem Dorf. Die Leute nannten ihn nur Opa, vielleicht, weil er nicht mehr arbeitete und Pfeife rauchte. Dabei war er erst 58 Jahre alt, was eigentlich noch kein Opa-Alter ist. Er hatte auch keine grauen Haare, sondern dun-kelbraune, zottelige Locken. Er ging nicht am Stock, kochte sich selber sein Essen und hatte kräftige Hände, mit denen er Holz ha-cken und in seiner Werkstatt kleine Kunstwerke aus Metall basteln konnte. Irgendwann hatte mein Vater über Oskar gesagt, er sei ein Schmarotzer, weil er nicht mehr arbeite und von unseren Steuer-geldern lebe. Das stimmte meiner Meinung nach nicht, weil Oskar von Gemüse und Obst aus seinem Garten lebte. Aber es hatte keinen Sinn, mit meinem Vater darüber zu streiten. Was stimmte, war nur, dass Oskar früher mal in der Schlosserei neben dem Bahnhof gearbeitet hatte, bis er seine Stelle verlor, weil er sein Werkzeug zu einem Vogelkäfig zusammengeschweißt hatte, anstatt damit zu arbeiten.

Seite zuletzt bearbeitet: 03.05.2004
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