Die Luft über der Aschenbahn im jamaikanischen Nationalstadion flimmert schon um neun Uhr morgens. Die Sonne steht hoch am Himmel, nur noch ein Viertel des Beton-ovals liegt im Schatten. Es ist windstill hier, am Stadtrand von Kingston, schwül und heiß, 32 Grad Celsius bei neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Der Startruf des Trainers hallt als Echo von leeren Tribünen und bröckelnden Mauern: "Go! O! O! O!"
Gewaltige Beinmuskeln katapultieren die beiden Athletinnen in die Bahn. Die Frauen sprinten so explosiv los wie austrainierte Hundertmeterläuferinnen. Nur nicht so unbeschwert: Sie schieben ein 120 Kilo schweres Eisengestell durchs Stadion. Als das letzte "O!" verhallt, haben die Sportlerinnen ihren Karren schon fast durchs fünfzig Meter entfernte Ziel gebracht.
Die Herren des jamaikanischen Fahrradnationalteams und die Kurzstreckenläufer, auch sie an diesem Morgen hier im Training, schauen verwundert zu dem Duo herüber. Die Athletin mit den Stoppelhaaren, die vorn den Wagen schiebt, nimmt die Blicke nicht wahr. Sie konzentriert sich darauf, den Metallschlitten möglichst schnell ins Ziel zu befördern. Schweißperlen glitzern auf ihrer Stirn und Oberlippe. Die Frau heißt Porscha, Porscha Morgan. Sie ist schön und stark wie ein Sportwagen.
Die Beine von Dukelyn Barret, der Dame am hinteren Ende des Rollgestells, sind so lang, dass sie einem durchschnittlich gebauten europäischen Mann fast bis zur Brust reichen dürften. Die beiden Frauen trainieren in der tropischen Hitze für Olympia. Nicht für Sydney, wie die Männer auf der gegenüberliegenden Seite, sondern für Salt Lake City. Porscha und Dukelyn wollen bei den nächsten Winterspielen antreten. Als Jamaikas Damen-Nationalmannschaft im Zweierbob.
Jamaika? Bob? Damen? Lange ließen die Jamaikaner nur einen Bob gelten: Bob Marley. Und Karren mit Gummirädern, so genannte Push Carts, schoben sie nur über die Insel, um Bananen oder Wasser zu transportieren, nicht um für Olympia zu üben. Doch dann begann die steile Karriere der jamaikanischen Wintersportler. Zwei amerikanische Geschäftsleute mit Wohnsitz auf Jamaika hatten 1987 gewettet, dass es möglich sei, 1988 einen Bob aus Jamaika bei den Olympischen Winterspielen von Calgary an den Start zu schicken. Es war möglich, wenngleich das Debüt mit einem Crash endete. Die Jamaikaner erreichten das Ziel - zu Fuß, aber stolz. Und dann kamen die Disney-Studios, verfilmten die Geschichte und setzten den Athleten mit der Komödie Cool Runnings ein Denkmal. Spätestens seit der Film im Kino lief, sind Kariben auf Kufen ernst zu nehmende Figuren im Showgeschäft.