Die Menschen im Dorf verstanden nicht, warum Gott zurückgekommen war. Er war jung, intelligent, hatte in Zürich Philosophie und Germanistik studiert, sprach Englisch, Italienisch und Französisch. Alle hatten gedacht, Gott würde Lehrer werden. Dass er eines Tages wieder in seinen Heimatort Wildhaus leben würde, einem Bergdorf in der Ostschweiz, hätte keiner erwartet. Schon gar nicht, um dort die Post auszutragen.
Gottfried Keller hieß genauso wie der berühmte Schweizer Schriftsteller. Seine Eltern hatten ihm den altmodischen Vornamen gegeben, weil sie den Schweizer Nationalautor verehrten. Seit Gottfried als Sechzehnjähriger in der Theatergruppe des Gymnasiums in Woody Allens Theaterstück „Gott“ die Hauptrolle gespielt hatte, nannten ihn alle nur „Gott“. Das passte, denn Gottfried hatte sich schon immer so benommen, als sei er nicht von dieser Welt. Als kleiner Junge prügelte er sich nicht mit den anderen Kindern. Er verehrte die Pflanzen und die Tiere und die Landschaft um ihn herum. Für einen Hirschkäfer konnte er eine fast religiöse Bewunderung entwickeln. Im Fußballverein, in den ihn seine Mutter gesteckt hatte, hatte er mehr Spaß an den Gänseblümchen auf dem Rasen als am Ball. Seine Mitschüler im Gymnasium schätzten ihn nur für seine Fähigkeit, Unterschriften perfekt zu fälschen. Wenn jemand mit einer fingierten Entschuldigung eine Klassenarbeit schwänzen wollte, war Gottes Hilfe gefragt, sonst nicht. Mit 18 arbeitete er vier Wochen auf einer Baustelle, um Geld für den Führerschein zu verdienen. Die Bauarbeiter machten sich über seine ungeschickte, verträumte Art lustig und empfahlen ihm, bald studieren zu gehen, am besten Theologie oder Philosophie.
Das tat er dann auch. Sein Spitzname begleitete ihn nach Zürich. Mittlerweile hatte er sich einen langen Bart und lange Haare wachsen lassen. Für seine Kommilitonen war er nur ein Kauz aus den Bergen. Gottfried hatte immer wenig Freunde gehabt. Er schwebte über den Dingen. Die Welt spielte sich für ihn nicht in den Kneipen der Stadt ab, nicht im Hörsaal, wo er Vorlesungen über Nietzsche und Platon hörte, sondern allein in seinem Kopf. Für ihn war es egal, ob er Pfarrer werden würde, Tankwart oder Postbote. Formen waren ihm egal, es ging ihm allein um den Inhalt. Er verachtete die Menschheit nicht, er war nur der Meinung, dass er sich eine bessere Welt ausdenken könne.